Mich hat der Bär erwischt

Eigentlich wollte ich gerade an etwas ganz anderem schreiben – aber so einen Bären lässt man nicht warten. Es ist für mich nicht ungewöhnlich, mich mit Bären zu befassen. Sie begleiten mich schon mein ganzes Leben, ohne dass ich je richtig einordnen konnte, warum sie eine so große Rolle für mich spielen.

Nachdem ich mich intensiver mit Eisbären beschäftigt hatte, stand ich fassungslos vor dem Zoo in Hagenbeck. Mir wurde klar, dass das, was ich über ihre Bedürfnisse verstanden hatte, das genaue Gegenteil von dem ist, was sich dort leider darstellt.

2006 – Südost-Alaska

2006 war ich in Südost-Alaska, am Klondike. Mein Bruderherz muss dabei immer an Dagobert Duck denken. Ich gehöre zu den Menschen, die Jack London verschlungen haben – und Der Mann in den Bergen hat mich auch sehr berührt. Einsamkeit und Wildnis schienen mir unsagbar verlockend.

Als ich dann tatsächlich um Skagway herum wanderte, war ich natürlich vorbereitet. Diverse Reiseführer hatten mich allerdings zu Lachtränen gereizt. Besonders dieser Satz:

„Begegnen Sie einem Grizzly, so richten Sie sich zu voller Größe auf und sprechen mit lauter, fester Stimme auf ihn ein!“

Ich möchte denjenigen erleben, der im Angesicht eines solchen Giganten eine feste Stimme hat.

Ich beschloss, dass Prophylaxe das Mittel der Wahl ist. Bären mögen – und da sind wir uns sehr ähnlich – keine Überraschungen. Also hatte ich meine Bärenglocke am Rucksack, um unerwartete Begegnungen zu vermeiden.

Wenn man allerdings viel wandert, geht einem dieses Geklimper irgendwann selbst auf die Nerven. Und als ich den Gedanken hatte, ob hungrige Bären diese Glocken vielleicht eher als Tischgong interpretieren, schaltete ich sie ab und verlegte mich aufs Singen.

Meine innere Playlist:

  1. Zwei kleine Wölfe gehen des Nachts im Dunkeln

  2. Meine Biber haben Fieber

  3. Fünf kleine Fische ....

Sollte es im Mai 2006 vermehrt zu Hörstürzen bei Bären gekommen sein – vielleicht war ich schuld.

Undercover-Agentin wider Willen

Ich war fast ein wenig stolz, als Bekannte, die in der Zeitung lasen, eine Joggerin sei in Kanada von einem Bären angegriffen worden, vermuteten, dass ich das gewesen sein könnte. Ich bin Sport-Undercover-Agentin. Und es hat sich wieder einmal bewiesen: „No Sports!“ schützt.

Tatsächlich sah ich zunächst kaum Bären auf meinen Wanderungen. Ein leicht komisches Gefühl blieb aber, besonders als ich später von einer Bekannten in Skagway Fotos erhielt: Auf fast allen Plätzen, an denen ich während meiner drei Wochen immer wieder Rast gemacht hatte, waren Bären zu sehen.

Juneau – Glacier Bay

Auf der Fahrt nach Juneau, Glacier Bay, sahen wir mehr Bären. Meine Bekannte musste mich erst darauf aufmerksam machen, denn kleine Dreiecke im Wasser hätte ich sonst kaum als Köpfe schwimmender Bären erkannt. Noch weniger die ganzen Schwarzbärfamilien, die in den Bäumen hingen wie Trauben.

Whitehorse – Miles Canyon

Zwischendurch waren wir in Whitehorse, Kanada. Meine Freundin wollte mir einen Hike durch den traumhaft schönen Miles Canyon ermöglichen und setzte mich dort ab.

Es war wirklich wunderschön dort – doch nach kurzer Zeit stellten sich mir die Nackenhaare auf. Instinktiv spürte ich, dass ich hier nicht willkommen war. Ich spürte einfach die Präsenz eines Bären und ging sofort, ganz ruhig, rückwärts zurück.

Bis heute bin ich sicher, dass das keine Einbildung war.

 

Warum der Bär in mein Leben trat

2026 bin ich Mitglied bei Mission Erde und trage Hoodies, auf denen meine Einstellung zu Zoos deutlich wird. In Diskussionen stelle ich fest, dass viele Menschen gerade noch verstehen, dass mir Tiere im Zoo leid tun. Wenn ich aber versuche zu erklären, dass der Bär nicht nur nicht in den Zoo gehört, weil es ihm dort schlecht geht, sondern dass er in dem Lebensraum fehlt, in den er gehört, ist der Ofen meist aus. Dann werde ich für verrückt erklärt.

Als Erzieherin habe ich so oft erlebt, dass Kinder völlig anders reagieren. Sie verstehen Kreisläufe intuitiv – und sie brauchen sie sogar. Gerade spricht eine frühere Klassenkameradin mit mir darüber, warum ich eigentlich keine Kinderbücher mache. Und als ich morgens mit dem Bild eines Bären aufwache, dessen dampfende Hinterlassenschaft im Wald betitelt ist mit:

„Warum der Bär in den Wald kackt!“

… wird mir klar, dass ich das wirklich machen muss.

 

Synchronicitäten

Ich liebe Synchronicitäten. Kaum hatte ich begonnen, am Bärenbuch zu arbeiten, erhielt ich die Nachricht, dass mir eine Reha in Plau am See bewilligt wurde. Als ich googelte, was es dort Schönes gibt, fand ich den Müritzer Bärenpark – ein Bären-Sanctuary. Hier werden traumatisierte Bären aus schlechten Umständen gerettet, die man nicht mehr auswildern kann, um ihnen ein möglichst artgerechtes, würdiges Leben zu ermöglichen.

Die Organisation Vier Pfoten gefällt mir sehr. Sie engagieren sich auch für andere Tiere. Und dann fällt mein traumapädagogischer Blick auf ihren nächsten Plan: die Ansiedlung weiterer in Not geratener Raubtiere direkt am Bärenpark.

Natürlich – dort ist Platz, und die Tiere müssen irgendwohin. Aber… ich erwähne meine traumapädagogische Zusatzausbildung nicht umsonst.

Bären sind Säugetiere. Das heißt: Ihr Gehirn funktioniert in vielen Bereichen ähnlich wie unseres. Aber Bären sind Geruchstiere. Es gibt kaum ein Tier, das einen besseren Geruchssinn hat. Sie leben in Geruchsfeldern. Sie kennen den Umgang mit Wölfen, Füchsen, anderen Bären. Aber der Geruch von Löwen und Tigern ist ihnen fremd – und wird im Gehirn als Gefahr codiert.

Nachdem man sich so viel Mühe gegeben hat, traumatisierte Bären zu stabilisieren, wäre ein nicht abstellbarer, nicht integrierbarer Dauerreiz von „Gefahr“ vermutlich ein Desaster.

Zu meiner größten Erleichterung nimmt Vier Pfoten meinen Hinweis ernst.

Das Bild eines Bären

Erleichtert entspanne ich mich, innerlich noch ganz im Feld des Bärenparks. Da verdichtet sich vor meinem inneren Auge das Bild eines Bären. Ein besonders großer Bär, vielleicht jünger als die anderen. Sein Fell wirkt heller. Er strahlt Güte aus.

Ich spüre, dass etwas mit ihm nicht stimmt – zwischen Kopf und Schulter ist etwas anders. Das Bild ist so präsent, dass ich google. Und ich finde ihn. Es gibt ihn wirklich im Bärenpark. Er heißt Michal – und ja, ihm fehlt eine Pfote.

 

Begegnung mit Michal

Eine Freundin begleitet mich in den Bärenpark. Ich habe ihr von Michal erzählt, und sie nimmt Anteil. Wir setzen uns vor sein Gehege. Michal ist da – aber wir sehen durchgehend nur sein Hinterteil. Er ist vorne mit irgendetwas beschäftigt, was uns an einen Handwerker erinnert. Er schubbert durchs Gebüsch, die Nase im Stroh, und macht sich ununterbrochen an etwas zu schaffen.

Wir sehen nur den wackelnden Po, rhythmisch rechts–links. Ein Bärenpo. Und wir bekommen gute Laune und müssen lachen.

Uns wird klar: Michal ist ein Gute-Laune-Bär.

Am nächsten Wochenende bin ich allein an seinem Gehege. Er zeigt sich nicht. Das frustriert mich ein wenig, weil ich mich so verbunden gefühlt hatte. Aber natürlich soll er nicht performen, sondern sich zurückziehen können.

Ich meditiere kurz und spüre in sein Bild hinein. Was ich empfange, ist eine große Unruhe. Ich kann keinen Grund erkennen.

Am nächsten Tag erfahre ich, dass eine kranke Bärin erlöst werden musste – und dass Michal ihr Gehege bekommt. Ich bin sofort blitzwach: Ein Abschied und ein neues Gehege – das könnte aufwühlend gewesen sein.

 

Die stille Begegnung

Dann fahre ich ein letztes Mal hin. Ich gehe zu seinem neuen Gehege – und werde bereits von seinem sich erhebenden, großen, runden Kopf begrüßt.

Wow.

Ich setze mich still auf die Bank vor ihm. Er chillt nur wenige Meter entfernt. Ich weiß, dass er mich wahrgenommen hat – und offenbar duldet.

Kommen andere Besucher, die ihm zu laut sind, geht er kurz ins Gebüsch. Zu meiner Freude taucht er wieder auf, sobald sie weg sind.

Er ist einfach da, im Sein begriffen. Und ich bin einfach da, im Sein begriffen.

In dieser ruhigen Erwartungslosigkeit kommen Ideen, wie es im Bärenbuch weitergehen kann. Michal inspiriert sogar zu einem Rap darüber, dass Bären – und Tiere allgemein – keine Kuscheltiere sind.

Michal im Garten – oder warum Fantasie ein Lebensraum ist

Eine Sache über Michal erzähle ich euch noch.

Während der Reha rede ich ständig über ihn. Ich sage meinen Freunden zuhause, dass ich möchte, dass er in meinem Garten lebt. Natürlich ist das nicht ernst gemeint – ich könnte ihm niemals etwas Artgerechtes bieten. Aber die Vorstellung, dass dieser lustige Bär mit seinem wackelnden Po einfach in meinem Garten herumläuft, tut gut.

Wenn ich schlechte Laune habe, geht meine Fantasie mit Michal spazieren. Ich erfinde Geschichten:

  • wie Michal den Gartenvorstand überzeugt, dort wohnen zu dürfen

  • wie Michal und ich zusammen auf einem roten Tandem fahren

  • wie Michal Briefträger in Lüneburg wird

  • und wie er in der Michaeliskirche im Talar des Pastors tanzt

Diese Geschichten sind wie kleine Lichtpunkte. Sie holen mich raus aus dem Alltag, hinein in etwas Warmes, Humorvolles, Lebendiges.

Michal lebt nicht in meinem Garten – aber er lebt in meinem Kopf, in meinem Herzen, in meiner Fantasie. Und manchmal ist das der beste Ort, den ein Bär haben kann.