Tiere habe ich immer geliebt . Nicht differenziert, nicht sortiert — einfach da. Auch wenn ich als Kind mit der Insektenwelt erst fremdelte, halfen mir Figuren wie Biene Maja, das Befremden in Neugier zu verwandeln. Hunde dagegen blieben schwierig. Nicht wegen der Tiere selbst, sondern wegen der Menschen dahinter, die mich oft überforderten.
Seit einigen Jahren bin ich Mitglied bei Mission Erde. Ich mag Robert Marc Lehmann sehr, und als mich neulich ein anderes Mitglied im Café über meinen „fck zoo“-Hoodie erkannte, haben wir ein kräftiges High Five auf RML abgeklatscht. Trotzdem war ich vor Kurzem im Tierpark Hagenbeck — und genau darüber wollte ich schreiben.
Es war kein beliebiger Zoobesuch. Ich war an diesem Wochenende in einer Unterkunft ganz in der Nähe, das Wetter war außergewöhnlich gut, meine Geh-Störungen hielten sich in Grenzen, und ich war seit Jahren nicht dort gewesen. Hagenbeck war für mich als Kind ein magischer Ort. Ich fragte mich, wie oft ich solche Möglichkeiten überhaupt noch haben würde — und beschloss hineinzugehen, um mich zu verabschieden. Von den Tieren. Von der Fantasie, die dieser Park in mir ausgelöst hatte. Vor allem aber von meinem Vater.
Mein Vater, der Filmarchitektur studiert hatte und ein großartiger Fotograf war, blühte dort auf. Er wurde lebendig und bemühte sich, uns die Welt der Tiere zu erklären — was Säugetiere waren und was nicht. Ein Psychologe sagte mir später einmal, Zoobesuche seien „kontaktlos“. Ich war erstaunt, denn mein Erleben war genau das Gegenteil: Für mich war es einer der wenigen Orte, an denen mein Vater wirklich bei uns war.
Als Erzieherin versuchte ich später, diese Magie weiterzugeben. Ich erklärte den Kindern geduldig, dass Löwen keine Eier legen — stellte aber fest, dass die meisten Kinder gar kein großes Interesse an den Tieren hatten. Sie liebten die Ameisenstraße, die wir genauso gut auf dem Gelände Zuhause hätten finden können. Sie wollten den Spielplatz. Sie hofften auf ein Eis. Die Magie, die mein Vater mir mitgegeben hatte, ließ sich nicht übertragen.
Wir dagegen kippten nach jedem Zoobesuch unsere Spielzeugkiste aus und spielten mit den Tierfiguren weiter. Diese Welt war für uns lebendig. Für die Kinder heute ist sie es nicht mehr in derselben Weise.
Und so stand ich nun wieder in Hagenbeck — nicht, um Tiere zu sehen, sondern um einen Kindheitsort zu verabschieden. Einen Ort, der für mich nicht wegen der Gehege bedeutend war, sondern wegen der Verbindung zu meinem Vater. Ein stiller Abschied, ein letzter Blick, ein Sortieren.
Nun sind Tiere im Zoo nicht gerade unerheblich . Und wie gesagt: Ich liebe sie. Umso trauriger war ich.
Ich hatte gehofft, positiv überrascht zu werden.
Doch es gab hier im Sommer 26 tatsächlich immer noch Eisbären. Eines der Tiere, bei denen es mich besonders packt, dem Zoodirektor mal meine Winterjacke im Sommer anzuziehen und den Schlüssel vom Reißverschluss wegzuwerfen.
Wenn Frauen dastehen und vor lauter „süüüüßes Eisbärenbaby“ in Verzückung ausbrechen, möchte ich ihnen sagen:
Glaubst du, dieses Tier hat freiwillig empfangen?
Glaubst du, sie können unter den Umständen gebären, die sie brauchen?
Da wird ein Tier benutzt. Es dient dazu, dass Besucher kommen, weil es so süüüüüß ist.
Wieso darf man das?
Woher nimmt man das Recht zu dieser Ausbeutung?
Und was daran soll gut sein?
Die Eisbären leben auf Beton. Mit Pfoten, die von der Evolution erschaffen wurden, um im Eis jede Veränderung zu spüren. Die Tiere haben Sinne, die wir kaum erahnen können. Und wenn du einen Sinn hast, dann gibt er dir ein Bedürfnis.
Du willst sehen.
Du willst riechen.
Du willst schmecken.
Und wenn du etwas nicht tun kannst, was deiner Natur entspricht, bekommst du eine Krise.
Die Tiere bekommen „Enrichment“, Eisbomben und Ähnliches zur Beschäftigung. Das ist ungefähr so, als würde man einem Achtjährigen einen einzigen Bauklotz geben. Oder einen Schnuller, obwohl er längst zu groß dafür ist.
Was das Tier wirklich bereichern würde, wäre die Freiheit seines Lebensraums.
Das Eintauchen in das kalte Eismeer.
Das stundenlange, einsame Wandern im ewigen Eis.
Das Spüren der Welt über seine Pfoten.
Dass es leben kann, wofür es gemacht ist.
Und dass wir es nicht vor dem Leben „beschützen“.
Das Problem ist nicht mangelnde Beschäftigung.
Das Problem ist, dass dem Tier seine Welt fehlt.
Und ...
uns fehlt das Tier in dem Lebensraum, in den es gehören würde.
Wir bringen das Gleichgewicht durcheinander, weil wir vermessen sind.
Hat denn keiner Jurassic Park gelesen?
Was passiert, wenn die Zwerge, die wir auf den Riesenschultern anderer sind, immer nur den nächsten Schritt denken?
Ohne gewachsene Verantwortung.
Ohne Demut vor der Evolution.
Zoos sind lehrreich.
Sie lehren Kindern, dass Macht das Recht schafft, über Schwächere zu verfügen.
Sie lehren, dass man Lebewesen ihrer Freiheit berauben und diese Freiheitsberaubung mit schönen Worten bemänteln kann.
Sie lehren Objektivierung.
Sie lehren Herrschaft.
Und sie lehren, dabei ein gutes Gewissen zu haben.
Das ist die letzte Lektion, die ich einem Kind mitgeben möchte.