In der Interviewreihe :
„Trotzdem… vom Scheitern und vom Wachsen“
von Brigitte Hawelka, spreche ich über Trauer.
Vorstellung
Ich bin Swantje Gätjens, 61 Jahre alt und komme ursprünglich aus Hamburg.
Ich war Erzieherin, Traumapädagogin, im Kinderschutzbereich .
Ich bin gern gereist z.B. durch Israel und nach Alaska.
Ich mache Aura-Soma-Farbtherapie, gestalte Seelenplan-Grafiken (Goldener Pfad, Kabbala).
Seit 2007 lebe ich in Lüneburg.
Seit 2021 habe ich die Diagnose Parkinson.
Seither habe ich Zwei Bücher veröffentlicht, zwei weitere sind in Arbeit: ein sozialkritischer Krimi und ein Kinderbuch über Bären & Biodiversität.
Ich bin Neurodivergent (irgendwas zwischen PTBS, Hochsensibilität und Autistischem Spektrum).
Ich schildere einen Entwicklungsweg aus einer Kette von Verlusten naher Bezugspersonen, die sich wie Schichten ineinandergelegt haben.
Er begann mit ca. 13 Jahren, als meine Mutter an Magenkrebs erkrankte. Es war eine Zeit, in der man nicht über Krebs oder Tod sprach. Das machte das Geschehen unwirklich und isolierte uns voneinander.
Das Bild von uns als Kindern war, als wären wir kleine Statist*innen, die stets da waren wie kleine Container, in die man ungefiltert alles einfüllen konnte, ohne sich darum zu kümmern, wie wir all das Ungeschonte verarbeiten würden – oder sich überhaupt dafür zu interessieren. Bis heute erschrecke ich geradezu, wenn ich realisiere, plötzlich für jemanden sichtbar zu sein.
Das Ganze ereilte mich in der Pubertät, und es gab keine Begleitung, kein Frauenmodell in dieser verunsichernden Zeit. Ich hatte gerade Anlauf genommen, um ein pubertierendes Ekel zu werden – und zog nun quasi mitten im Start die Reißleine, da mein Objekt dieser Ladung, ja keinesfalls standhalten konnte.
So legte ich eine Art emotionalen Albatross-Landestart meiner Entwicklung hin, um in einem unwirklich erscheinenden Dauer-Alarmtraum von ihren Krankenhausaufenthalten und Komplikationen zu erwachen, die es damals häufig gab. Die Krankenhäuser erreichten in dieser handyfreien Zeit keine Erwachsenen bei der Arbeit, und so war ich die Erste zuhause, die ans Telefon ging und mit Botschaften wie: „Wir wissen nicht, ob Ihre Mutter die nächsten Stunden noch überlebt“ allein war. Kein Mensch kann in einem Dauer-Alarm leben, so wurde das zum Alltag. Was mir half, war die Begegnung mit dem Zen-Buddhismus und einem Tae-Kwon-Do-Trainer. Das gab mir einen geistigen Rahmen, in dem ich mich zuhause fühlte, der sich klar und lichterfüllt anfühlte. Das Training gab mir körperliche Selbstermächtigung und Stabilität.
Die Ängste wurden kleiner, und so gelang es mir, mich auf meine Jugendliebe einzulassen, bei der ich Wärme und Nähe spürte. Mein Freund war mit den schweren Themen, die ich mitbrachte, überfordert, und ich fühlte mich dauernd schuldig – ihm oder meiner Mutter gegenüber –, weil ich gern mit ihm Leichtigkeit leben wollte, aber nicht konnte. Ich hatte niemanden, mit dem ich über die Themen sprechen konnte, die das Frausein nun mal begleiten und die nicht einfach sind.
Zuletzt kam sie nicht mehr ins Krankenhaus, was ich für ein gutes Zeichen halten wollte. Es hätte mich stutzig machen müssen, als mir freigestellt wurde, zur Schule zu gehen. Ich blieb zuhause, um meiner Mutter zu helfen, und überforderte mich mit Pflegesituationen.
Meine Tante versuchte mit mir darüber zu reden, dass es nun zu Ende gehe. Sie prallte an meiner ganzen verzweifelten Abwehr ab – was wusste sie denn schon? Schließlich war meine Mutter aus jedem Krankenhaus zurückgekommen, trotz all der Komplikationen, die es gab. Doch es war unübersehbar, wie stark sie abbaute und worauf das hinauslief.
Einer der schlimmsten Momente war der kurze Besuch ihrer Eltern, die nach wenigen Minuten weinend gingen, da sie es nicht aushalten könnten. Ich starrte ihnen sprachlos nach, konnte nicht fassen, dass sie ihr Kind allein sterben ließen… Uns fragte niemand, ob wir das aushielten. Was ich verlor, war nicht meine Mutter – sondern das Vertrauen in die erwachsenen Instanzen, in die Welt. Ich wurde zutiefst mißtrauisch und verletzte damit später wiederum andere.
Unsere Wohnung war totenstill geworden. Wo waren all die Leute, die dauernd bei unseren Festen gewesen waren? Wo war die Kirche, in der meine Mutter so aktiv für andere tätig gewesen war – niemand fragte, ob wir Hilfe bräuchten. Die beiden Schwestern meiner Mutter und eine Freundin waren da… sie waren mit mir zusammen Tag und Nacht – fast zwei Wochen lang waren wir im Einsatz.
Ich hatte gehört, dass meine Mutter Magenkrebs hat, wusste aber nicht, was das bedeuten kann. Dass Menschen, die Schmerzen haben und nicht gut loslassen können, auch Wesensveränderungen aufweisen und abweisend sein können. So bezog ich solche Reaktionen auf mich und interpretierte sie als Ablehnung.
Während ihres Todes war ich anwesend, stand wie so oft daneben und erstarrte auch vor dem groben Umgang der Menschen, die den Körper abholten.
Die Welt wurde leichter, als mein Bruder aus dem Ausland zurückkam. Er stand mir bei, aber konnte nicht verhindern, was mich belastete: dass unser Vater zusammenbrach und sagte, er könne uns nicht mehr versorgen. Er hätte Hilfe gebraucht. Ich konnte das nicht auch noch tragen.
Meine Großmutter rief oft an und schleuderte mir ihren ganzen Hass entgegen, forderte, dass ich die Schule abbrechen und die Männer versorgen solle. Sie fing dann auch noch an zu hetzen – verbreitete, ich sei läufig und hätte meine Mutter im Stich gelassen. Heute weiß ich, was Schuldumkehr ist. Damals brach es mich fast komplett.
Ich war traurig und erstarrt, die Welt schien farblos geworden, und ich konnte das Gesicht meiner Mutter nach kurzem nicht mehr erinnern. Es fühlte sich nicht an, wie ein Zustand, der wieder vergehen kann. Ich wusste, dass ich die Leichtigkeit, nach der sich mein Freund sehnte, nicht erreichte. Ich verabschiedete ihn, damit er glücklich werden kann… ich brauchte Entlastung von der Situation, ihm nicht gerecht werden zu können.
2. Meine Tante konnte den Tod ihrer Schwester schwer verarbeiten und suchte sich darum einen Therapeuten. Als dieser betroffen danach fragte, ob ihre Schwester Kinder hinterlassen habe, wachte sie auf. Sie war Erzieherin und hatte dennoch in einem Muster gelebt, in dem man Kinder gar nicht wahrnahm. Die Perspektive, dass ich ja ein Kind bin, das seine Mutter verloren hat, war darum völlig neu.
Der Therapeut fragte nach mir, bot Gespräche an, und ich ging mit meiner Tante zu ihm. Ich war noch nie einem so einfühlsamen und charismatischen Menschen begegnet. Er sagte, dass ich seiner Meinung nach keine Therapie bräuchte, sondern eine Schulter zum Anlehnen – und bot mir seine an, ich könnte gern vorbeikommen.
Ich konnte mir das nicht vorstellen – wie geht so etwas? Klingele ich, sage: „Guten Tag, Herr Wahls, ich lehne nur mal kurz fünf Minuten an Ihre Schulter?“
Die Haltung war mir so fremd, dass ich es wörtlich nahm.
Da ich den Weg zur Schulter nicht kannte, wählte ich die Therapie.
Das war gut, denn mit den Übungen aus der Gestalttherapie konnte ich endlich weinen… und das löste die Starre in mir. Die Welt wurde plötzlich wieder von Farben durchzogen und wärmer, und die Schwere wich von mir.
Dann veränderte sich die Situation. Jan ließ Termine ausfallen, was gar nicht zu ihm passte.
Als er wieder nicht da war, ging ich nebenan ins La Paz und überlegte, was ich tun sollte. Ein Typ am Nebentisch der Chilenischen-Kneipe, mit sehr sonorer Stimme, erzählte vom Suizid eines Therapeuten aus der Umgebung – in mir machte es Klick. Es erfolgte eine Spaltung zwischen Innen und Außen, ich implodierte. Der Gefühls-/Nichtgefühlzustand schien unerträglich, und ich reagierte mit einem Fluchtimpuls und wollte ihm folgen.
Da rief mich meine alte Lehrerin an, die plötzlich an mich denken musste. Das Gespräch zeigte mir, dass ich offensichtlich vom Universum gewollt war und durchhalten sollte.
Meine Kunstdozenten aus der Erzieherausbildung boten mir im Anschluss großzügig Raum für Ausdruck – und ich „tobte mich aus“, bis ich durch das Schreiben einer Kurzgeschichte inneren Grund fand. In dieser drückte ich meinen Respekt vor seinem eigenen Weg mit seiner Entscheidung aus. Ich erkannte, Ausdruck war nötig zum Überleben und dass auch die Akzeptanz, wenn auch kein Einverständnis möglich ist, beides half, damit fertig zu werden.
3.Während der Ausbildung lebte ich im Karolinenviertel, wo man mit Glück kleine, günstige und zentrale Wohnungen mit meistens vielen Haustieren teilen konnte. Meine Bezugsgruppe bestand aus jungen Erwachsenen, die fast alle besondere Schwierigkeiten mit sich trugen. Eine aus unserer Gruppe war Dorothe; wir waren bald nahe wie Schwestern.
Als sie mir von einem Alptraum erzählte, in dem ein Rabe sie aus dem Fenster angriff, spürte ich massive Angst. Tatsächlich stellte sich heraus, dass Dorothe Brustkrebs hatte. Ihr Umgang mit sich, wie sie sich in die Erkrankung fallen ließ usw., stimmte mich so besorgt, dass ich sie darauf ansprach.
Dorothe offenbarte mir, dass sie ihre Erkrankung als Ausstieg aus dem Leben nutzen würde. Sie war klar entschieden. Dass ich diesen Weg nicht mitging, wusste sie und war fein damit. Doch die Gruppe verstand es nicht und mobbte mich. Sie vereinnahmten sie eher und unterstützten sie in einer mir fatal erscheinenden Art und Weise. Es gelang mir noch zu insistieren, sie in eine Selbsthilfegruppe zu bringen. Doch bereits nach kurzem erreichte mich die Nachricht, dass sie verstorben war.
Der Schmerz trat mich wie ein Pferd in die Lunge. Es fühlte sich so wund an, ich versuchte ihn vergeblich mit drei Schachteln Zigaretten zu betäuben. Dann ging ich innerlich in den Schmerz und fand an seinem Grund Worte … einen wahrhaftigen Ausdruck, der die Energie in etwas Erträgliches verändern konnte.
Am Tag ihrer Beerdigung stellte ich mich an eine Weide und schüttete einem Pferd das Herz aus. Es war so liebevoll und gutmütig, nickte geradezu verständnisvoll … und gerade da brach die Sonne durch, und der Wagen mit ihrem Sarg fuhr an uns vorbei … und hinterließ in mir das Gefühl von Frieden.
Ich erfuhr, dass einige aus der Gruppe ihr Tagebuch gelesen hatten, und beendete den Kontakt. Ich schien mich mit den Abschieden geradezu grundgereinigt zu haben.
4. Ich begegnete nicht lange darauf einer neuen Liebe. In mir ein Aufatmen, Leichtigkeit, die Sehnsucht, dass das Leben unbeschwert losgehen könnte. Im Moment des Aufbruchs nach Berlin erreichte mich ein Anruf – mein Vater kam todkrank nach Hamburg zurück.
Ich konnte das Gefühl der neuen Liebe nicht halten, es entglitt mir, und ich wollte nach Italien fliehen – wütend, dass ich nie zu mir kam, immer wieder in die Schwere gerissen wurde, die ich nicht mehr erleben wollte. Immer wieder wurde mein Prozess unterbrochen, niemals kam ich zu mir.
Meine Therapeutin „packte mich am Schlafittchen“, machte mir klar, dass ich nicht glücklich damit leben könnte, wenn ich hier ausweichen würde. Sie begleitete mich in den Prozess. Ich ging zu ihm – und er wies mich zurück. Ich ging, konfrontierte ihn damit, dass wir uns dann nie wiedersehen. Seine Mauer fiel, er weinte, wir hielten uns erstmalig und entschieden, das gemeinsam durchzustehen.
Ich erlebte nun einen Vater, der Vorbild im Sterben war. Der Körper starb, doch er heilte in den Tod hinein. Transformation. Lebensqualität so intensiv, die viele vielleicht kaum erleben. Seine Mauer schmolz. Freunde tauchten auf. Er realisierte, wie er uns alle distanziert hatte – und öffnete sich. Wir genossen kleine Momente: noch einmal Eis essen, reden, lachen. Ich erfuhr viel über unsere Eltern. Er sagte lustige Sachen, schöne Party, die Katze würde goldene Buchstaben essen.
Ich fühlte mich existenziell berührt, als wären wir von einem blauen Licht umgeben, das auch andere spüren konnten. Eines Abends kämpfte er sich wie von weit her zurück und erzählte mir, dass er als Affe im chinesischen Sternzeichen durch die Allee fast durchgehangelt sei und neugierig wäre, keine Angst mehr hatte. Ich begriff, wie unwichtig alles war. Ich sagte ihm das – und er ließ sich erleichtert sinken. Ich wusste, dass ich ihn am nächsten Morgen nicht mehr sehen würde. Es war in Ordnung. Es war Zeit.
Am Morgen war er gegangen. Sein Gesicht leuchtete im tiefen Frieden eines deutlich heim Gegangenen – was vielleicht nicht Respekt vor dem Sterben, aber Angst vor dem Tod lindert. Wir feierten mit seinen Freunden, wie er es sich gewünscht hatte.
Auf der Trauerfeier realisierte ich, dass ich strahlte. Mit dem Tod meiner Mutter schien Weiblichkeit in mir „verschüttet“ worden zu sein. Nach dem Tod meines Vaters fühlte ich diese Seite neu in mir. Ich begriff, dass alles nicht meinen Prozess verhindert hatte – das war mein Prozess. Und ich war dankbar, dass ich diesen Rückwärts-Geburts-Prozess begleiten durfte.
Ein Gedanke, der mich manchmal beschleicht: Wir wissen von Geburtsprozessen, die sehr schnell vonstatten gehen, dass dadurch manchmal Menschen etwas fehlt – und wir sagen, dass es eine Gnade ist, wenn man schnell stirbt und nicht leiden muss. Aber das ist vielleicht unsere Bewertung – wir wissen nicht, welches Wachstum auch darin liegt… jedes Sterben ist wohl so individuell wie die Geburt.
Ich bin dankbar für alle Erfahrungen, auch die schmerzhaften inzwischen, weil sie mich wachsen ließen. Ich möchte nichts mehr aussperren. Das Ganze hat meinen Prozess nicht verhindert – es war mein Prozess, mein Weg.
Zuletzt zitiere ich den Text, der bei der Nachricht von Dorothes Tod in mir aufstieg.
"Es ist die lange Zeit, in der die Seele ruft, in der der Geist aus allen Wolken fällt und in die Tiefe sinkt und wieder aufersteht. So wie das Leben grausam schweigen kann, wenn sich ein Kelch von Liebe bitterem Ende neigt, so wird dein Traum nun spiegel‑los. Wo Blütenblätter sinken in einen See, im stillen Mond gelegt, um Ewigkeit zu trinken…"
Swantje
Nach einer Pause kommt die zweite Interviewpartnerin auf die Bühne, die Trauerbegleiterin ist.
Über die FABS Lüneburg werden Lüneburger Pilgerrundwege für Trauernde ,
von einer Trauerbegleiterin, "Am Sonntag gemeinsam auf dem Weg" angeboten .